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Wie können wir soziale Gerechtigkeit auf einem überbevölkerten Planeten erreichen?

Sonja Scherndl
15 June 2020

Nur durch eine friedliche Massenbewegung auf globaler Ebene, die in erster Linie die Bedürfnisse der Ärmsten berücksichtigt, können wir endlich den Weg in eine gleichberechtigte, nachhaltigere und integrativere Zukunft beschreiten, schreibt Sonja Scherndl.


Mit dem stetigen Wachstum unserer menschlichen Familie, ist Überbevölkerung zu einer großen Besorgnis geworden. Weltweit stehen wir vor mehreren ineinandergreifenden Krisen. Hungersnöte, Kriege, tödliche Pandemien und ökologische Störungen wie Überschwemmungen, Brände und Erdbeben nehmen zu. Die Städte werden immer dichter und damit auch die erstickende Umweltverschmutzung in der Luft, in der Erde und im Wasser. Unsere Transportsysteme sind überlastet und haben Probleme mit der Bevölkerungsexplosion Schritt zu halten. Weltweit verschwinden Grünflächen mit alarmierender Geschwindigkeit und damit die Artenvielfalt der Erde, da sie sich einfach nicht mehr an unseren sich schnell verändernden Planeten anpassen kann.

Derzeit gibt es 33 Megastädte auf der Welt, in denen jeweils mehr als 10 Millionen Menschen leben. 1975 gab es nur drei Megastädte: Mexiko-Stadt, Tokio und New York. In jeder Sekunde werden im Durchschnitt 4 Babys geboren und 2 Menschen sterben. Derzeit leben 7,8 Milliarden Menschen auf dem Planeten, und bis 2050 könnte diese Zahl auf 10 Milliarden ansteigen. Idealerweise sollte es auf der Erde nur rund 3,5 Milliarden Menschen geben, obwohl einige argumentieren, dass die Zahl näher an 2 Milliarden liegen sollte, wenn wir alle ein komfortables und nachhaltiges Leben führen wollen.

Da die Mehrheit der Menschen in weniger wohlhabenden Ländern wie Asien, Afrika und Südamerika keine sozialen Sicherheitsnetze haben, besteht die ganze Hoffnung der Eltern darin, dass genügend Kinder überleben um sie im Alter zu unterstützt. Eine der höchsten Geburtenraten liegt heute in Niger, wo Frauen bis zu 7 Kinder haben. Viele werden geboren, aber nicht alle erreichen das Erwachsenenalter und sterben an vermeidbaren Krankheiten oder an Unterernährung.

Dies bedeutet nicht, dass wir in Industrieländern keine großen Familien finden, insbesondere unter vielen religiösen Gruppen oder wohlhabenderen Haushalten, die sich schon immer eine große Familie gewünscht haben. Generell zeigen Studien jedoch, dass die Geburtenraten gleichzeitig mit einem höheren Lebensstandard und der Bereitstellung sozialer Dienste wie Gesundheits- und Arbeitslosenunterstützung sinken.

Eine geteilte, oder eine vereinte Welt? 

Würden wir in einer Welt leben, in der die Bedürfnisse eines jedes Landes erfüllt sind, anstatt weiterhin ärmere Nationen für ihre Ressourcen und Arbeitskräfte auszubeuten, um den nicht nachhaltigen Lebensstil einer wohlhabenden Minderheitsbevölkerung zu erfüllen, hätten wir inzwischen eine ganz andere Form der globalen Gesellschaft hervorgebracht. Eine Gesellschaft, in der Jeder ein Recht hat auf Bildung, Gesundheitsversorgung und menschenwürdige Arbeit. Eine Gesellschaft, in der das Verständnis unseres Gemeingutes und seinen begrenzten Ressourcen in einem anderen Licht stehen würde, was wiederum dazu führen würde, dass die globalen Geburtenraten sinken.

Wir würden dafür sorgen, dass jeder einzelne das hat, was er oder sie braucht, um ein würdiges Leben zu führen und sich auf gesunde, kreative Weise zu entwickeln. Die Vereinten Nationen, die vor 75 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, hätten schon seit langer Zeit dazu dienen können, das Versprechen einer gerechteren und friedlicheren Welt zu erfüllen. Trotz seiner vielen Mängel kann eine reformierte und wieder ermächtigte UN dieses Versprechen immer noch erfüllen, wenn die Unterstützung durch die Öffentlichkeit stark und laut genug ist und wenn die privilegierten Vetorechte einer Handvoll Nationen endgültig beseitigt werden.

Anstatt echter gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit sind die Staaten jedoch in den letzten Jahren noch nationalistischer und eigennütziger geworden. Die populistische Rhetorik von „Amerika First“ ist ein Paradebeispiel davon, wie internationale Spaltungen geschaffen werden, die sich in den Prioritäten aller Regierungen widerspiegeln und sich auf die „Bedeutung“ nationaler Interessen und des Wirtschaftswachstums konzentrieren… aber für wen ist denn ganz ehrlich das Wirtschaftswachstum? Für vermögende Aktionäre und CEOs? Selbst als die Wirtschaft boomte, hatte das auf normale Arbeiter und Familien wenig Auswirkung, während die Kluft zwischen der reichen Minderheit und der mehrheitlich armen Bevölkerung immer größer wurde.

Die Krise der Überbevölkerung ist nur für diejenigen nützlich geworden, die nach billigen Arbeitskräften in einer Welt suchen, in der Konsum und kommerzieller Profit der wichtigste Lebensfaktor sind, während die Sorge der am stärksten gefährdeten Personen wohltätigen Einrichtungen überlassen bleibt. Arme Länder stellen weiterhin Männer, Frauen und Kinder zur Verfügung, um die gewinnorientierte Industrie mit den billigsten Arbeitskräften, die man nur finden kann, zu unterstützen. Wohlhabendere Länder sind jedoch zunehmend gleichgültig, da sie weiterhin denjenigen den Rücken kehren, denen es schwerer fällt als je zuvor, über die Runden zu kommen.


Welchen Nutzen kann es für unseren stark überbevölkerten Planeten geben, der bereits an allen Fronten zu kämpfen hat, mehr Wirtschaftswachstum mit seinen ausbeuterischen Systemen anzustreben? Logischer Weise bedeutet mehr Wirtschaftswachstum auch mehr Kohlenstoffemissionen, mehr Entwaldung, einen größeren Verlust an Grundwasser und Bodendegradation aufgrund der industriellen Landwirtschaft, was uns zu unserer gegenwärtigen katastrophalen Klimakrise und dem sechsten globalen Massensterben der Artenvielfalt geführt hat.

Wie viele Menschen kann unsere Erde noch unterstützen, bevor wir einen Zusammenbruch der Nahrungsmittel- und Wassersysteme oder eine weitere Periode wirtschaftlicher Turbulenzen erleben, die ein Jahrzehnt oder auch auf unbestimmte Zeit andauern kann? 2008 kam es zu einer solchen Krise, die in 32 Ländern zu Unruhen führte, in denen sich die Armen nicht einmal mehr die grundlegendsten Lebensmittel leisten konnten. Jetzt, 12 Jahre später, mitten in einer weiteren globalen Krise unterschiedlicher Ursachen, könnten wir uns leicht in einer ähnlichen oder noch schlimmeren Situation befinden, wenn die Regierungen weiterhin nicht kooperieren und Ressourcen teilen.

Überbevölkerung kann als eines der Hauptmerkmale unserer Zivilisationskrise angesehen werden. Eine weit größere Bedrohung ist jedoch unsere kollektive Selbstgefälligkeit, die es unseren jeweiligen Regierungen ermöglicht, Business as usual fortzusetzen. Wir haben jahrzehntelang auf ihre Lügen und Versprechen gehört und unsere Wut durch Protestaktionen Jahr für Jahr zum Ausdruck gebracht, und so gut wie nichts erreicht, um die globalen Ungleichheiten abzubauen. Wenn wir die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen herbeiführen wollen, die uns in eine neue Ära führen werden, in der sich die globale Zusammenarbeit und eine gleichmäßige Aufteilung der Ressourcen der Welt manifestieren, sind deutlich größere und häufigere öffentliche Demonstrationen erforderlich.

Ein Planet - eine Menschheit

Globale Probleme erfordern globale Lösungen, wie der bekannte Aphorismus sagt. Wir können uns nicht weiterhin als von anderen Völkern und Nationen getrennt sehen und hoffen, es allein zu schaffen. Der gesunde Menschenverstand bestätigt, dass das, was ein Land betrifft, früher oder später Auswirkungen auf den Rest der Welt haben wird. Die Vergangenheit ist voll mit Beispielen davon, jedoch scheint der gesunde Menschenverstand in dieser Beziehung zu versagen.

Wenn wir nicht anfangen, unser Haus in Ordnung zu bringen, indem wir uns für die am wenigsten Privilegierten unter uns einsetzen, wo immer sie auch leben, kann es keine Hoffnung auf ein besseres Morgen geben. Kein Wirtschaftswachstum kann dies bewirken, was auch immer unsere Regierungen uns glauben machen würden. Nur durch eine friedliche Massenbewegung auf globaler Ebene, bei der die Bedürfnisse der Ärmsten an erster Stelle stehen, können wir endlich den Weg in eine integrativere Zukunft beschreiten. Das Zusammenkommen von Millionen Bürgern für das Wohl Aller wird uns auf eine Art und Weise vereinen, die wir uns nicht vorstellen können und die wir noch nicht erlebt haben. Es besteht kein Zweifel, dass solch eine einheitliche Demonstration des guten Willens, Millionen von Menschen, die viel zu lange ohne Hoffnung gelebt haben, Freude vermitteln wird. Sobald wir die Bedürfnisse des anderen nicht intellektuell, sondern durch das tief empfundene Bewusstsein unserer gemeinsamen Menschlichkeit verstanden haben, werden viele andere internationale Probleme, wie die Klimakrise, auf längere Sicht zweifellos leichter zu lösen sein.

Eine der schnellsten und einfachsten Möglichkeiten uns den Ungleichheiten unserer Welt zu stellen, besteht nicht darin, gegen das derzeitige System anzukämpfen, sondern auf die dringende Umsetzung von Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu bestehen. Im einfachsten Sinne bedeutet dies, dass jeder das Recht auf Nahrung, medizinische Versorgung, Wohnraum und notwendige soziale Dienste hat.

Es werden bestimmt manche argumentieren, dass für so ein Unternehmen einfach nicht genug Geld da ist, aber das war schon immer eine zweifelhafte Behauptung. Wenn wir beispielsweise nur 1,5% der weltweiten Militärausgaben umleiten, könnte dies den Hunger weltweit beenden. Was wäre, wenn wir 10% der Militärausgaben für dringende öffentliche Sozialdienste umleiten würden? Sicherlich könnte das den Weg zur Erfüllung von Artikel 25 ebnen, wenn diese Mittel ordnungsgemäß verwendet würden. Stellen Sie sich für einen Moment vor, was mit 50% der Militärausgaben oder mit der Umleitung anderer perverser Subventionen, wie für fossile Brennstoffe und die Agrarindustrie, getan werden könnte.

Solange es weiterhin zulässig ist, dass Menschen in Armut leiden und nicht die Rechte haben, die die Privilegierten in unseren Gesellschaften für selbstverständlich halten, wird es nie zu einem Rückgang der Weltbevölkerung kommen. Die grundlegenden sozioökonomischen Rechte für alle Menschen, einschließlich einer angemessenen Bildung, müssen zuerst garantiert werden, bevor die gegenwärtige Bevölkerungszahl in der Welt überhaupt sinken kann. Und solange die Ideologie des „Profit-First“ weiterhin herrscht, wie es immer der Fall war, besteht kaum eine Chance, dass das Elend der Unterprivilegierten ein Ende findet. Es sei denn, wir, die Menschen auf der Welt, fordern es!


Bildnachweis: Aleksandar Pasaric, Pexels 

Übersetzung: Ute Redl und Sonja Scherndl