Weihnachten, das System und Ich

Das System, dem wir die Schuld für unsere Probleme auf der Welt in die Schuhe schieben, wird von uns, von Ihnen und mir gebildet. Das wird besonders deutlich sichtbar zur Weihnachtszeit, wenn wir im Namen Jesu in den Geschäften unsere fragile Erde ausplündern. Eine sinnvollere Art die Geburt Jesu zu feiern wäre in diesem Jahr friedlich zusammen zu kommen, um gemeinsam für das Ende von Hunger und Armut in der Welt unter der Fahne der Gerechtigkeit und Freiheit demonstrieren, schreibt Mohammed Mesbahi.


Wenn wir von unseren Politikern enttäuscht und über die Probleme in unserer Gesellschaft untröstlich sind, haben wir oft den Eindruck, dass das ganze System verrottet ist. Ohne zu zögern kritisieren und beschuldigen wir das System. Aber in Wahrheit gibt es so etwas wie `das System`gar nicht, denn wir sind es, die in unserer abgeschotteten und selbstgefälligen Lebensart nichts, oder fast gar nichts im Alltag tun, um die Weltlage zu verändern. In dem Moment, in dem wir die Welt betrachten und sagen „was für ein verrottetes System“, erkennen wir die Realität nicht und errichten eine Mauer zwischen uns und den Problemen der Menschheit. Wie merkwürdig ist es, dieses Phänomen zu betrachten, wie sich das Denken des Menschen vom Rest der Menschheit trennt und das System als etwas anderes bezeichnet, als was er selbst ist, wo es doch tatsächlich von uns gemeinsam kreiert wird.

Wenn man beispielsweise unsere sich streitenden Politiker im Fernsehen betrachtet und sie dann auch noch ein weiteres Wahlversprechen brechen, neigen wir dazu unsere Stimme einer anderen Partei zu geben. Angenommen wir wählen seit 45 Jahren die SPD und diese droht an, die Steuern zu erhöhen. Wenn dann die CDU neue Maßnahmen verspricht, die unsere Interessen decken, wechseln wir die Partei. Anstatt sich einer Gruppe von Aktivisten anzuschließen und reale Veränderungen in der Welt mit zu bestimmen, geben wir die Verantwortung an die Politiker ab. Wir geben ihnen die Rolle der Eltern und verhalten uns wie unmündige Kinder. Die Regierung ihrerseits, um an der Macht zu bleiben, beeinflusst ihre Wähler mit komplizierten Regelungen und profitablen Investitionen, die mit den zerstörerischen Kräften des Marktes spielen, den sie aber in keiner Weise verstehen. Während wir uns Gedanken machen über unsere Hypotheken und einen persönlichen Kampf für unser Glück führen, geben wir den unwissenden Politikern die Lizenz die Kräfte der Kommerzialisierung freizulassen, die wiederum eine verheerende Wirkung auf unsere Gesellschaft und unsere Umwelt haben, sowie auf die Perspektiven künftiger Generationen. Und dann geben wir dem System die Schuld an all den daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Turbulenzen, und tragen in keiner Weise Verantwortung für die Rolle die wir dabei spielen die natürliche Kreativität, die Gerechtigkeit, Freiheit und menschliche Evolution auf dieser Erde aufzuhalten und zu unterbinden.

Warum können wir nicht durch inneres Bewusstsein unsere Rolle erkennen, die wir beim Zustandekommen von Plackerei und Spaltung im Alltag spielen und dies dann als System bezeichnen? Das Wählen als solches ist schon ein Ausdruck von „-ismus“, wenn wir unsere Macht an die Politiker abtreten und dann das System schuldig machen, wenn alles schief läuft, ohne die Verantwortung für unser Nichthandeln und unsere Gleichgültigkeit zu übernehmen. Wir alle, Sie und Ich, verschwenden unsere Zeit, wenn wir über Politik diskutieren und darüber wie die Gesellschaft strukturiert und geregelt sein sollte, wenn wir dabei alle gemeinsam nur Spaltungen erzeugen auf der Grundlage von Ismen und entgegengesetzter Ideologien. Wir sind es, die mit der Schaffung und dem Ausdruck von Ismen in all ihren Formen, nicht zuletzt die uns lieb gewordenen politischen Ismen, unsere Ängste, Egoismen und Selbstgefälligkeiten verbergen. Sie sind CDU; ich bin SPD. Meine Regierung stimmt mit ihrer nicht überein; wir ziehen in den Krieg wegen einer Ideologie. Beide entstehen auf der selben Denkebene und wir sind es, die psychisch  unter all diesen Trennungen, die wir selbst geschaffen haben, leiden. Und gleichzeitig stirbt die Welt um uns herum. Und es gibt kein Entrinnen aus unserer gemeinsamen Schuld, auch nicht, wenn wir uns in selbstversorgende Kommunen zurückziehen. Damit trennen wir uns physisch wie seelisch von der übrigen Gesellschaft. So lange die Menschheit stirbt, werden auch wir auf die eine oder andere Art sterben, außer wir ändern komplett unsere Haltung zum Leben auf dieser Erde.

Die Unberechenbarkeit des Kapitalismus

Wenn wir den Kapitalismus psychologisch genau betrachten hinsichtlich dessen, was er mit uns und dem Planeten gemacht hat und wie die Art und Weise seiner Verfahren sich dermaßen lockerten  und außer Kontrolle gerieten, bleiben zuletzt nur einige Bestandteile: Selbstgefälligkeit, Gier und Blindheit und vor allem eine kollektive Arroganz. Wenn also der Kapitalismus verrottet ist, sind wir das auch, denn wir repräsentieren das menschliche Verhalten, das dieses ungerechte System seit Generationen erzeugt und am Leben erhält. Tatsächlich existiert das, was wir als Kapitalismus in Reinform betrachten schon lange nicht mehr. Alles was wir heute sehen ist der Missbrauch dieses verwitweten und korrumpierten Prinzips, das nun im schärfsten Gegensatz steht zum verwaisten Prinzip des Teilens. Die alte Idee des Kapitalismus, wie sie an den Universitäten gelehrt wurde, ist in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen und wurde von diesen unerhörten menschlichen Verhaltensweisen abgelöst. Währenddessen wurde Teilen sowohl in politischer als auch ökonomischer Hinsicht völlig in den Hintergrund gedrängt, so dass es auch auf den höchsten Regierungsebenen kaum mehr verstanden wird.

Wenn wir also dem System die Schuld für die Probleme der Menschheit geben, zeigt das nur unsere mangelnde Ernsthaftigkeit, Reife und Bewusstheit. Wenn wir uns voneinander trennen und uns damit von der Gesellschaft und dem System abwenden, wird sich diese psychische Spaltung letztlich als Gleichgültigkeit gegenüber dem Rest der Menschheit auswirken. Wir bevorzugen in komfortabler Existenz in unseren kleinen Schachteln zu leben, die wir „mein Leben“ und „meine Rechte“ nennen, egal wie leer die tägliche Routine von Arbeit, Schlaf und Kampf um den Lebensunterhalt ist. Wir denken vor allem an uns selbst und setzen unsere Ferien, unsere Rente, unsere Unterhaltung und Wohnraummodernisierungen an erste Stelle. ´Ich möchte nicht gestört werden`, sollte auf unserer Stirn stehen. Natürlich gibt es nichts daran auszusetzen, dass wir in bescheidenem Wohlstand leben mit schönen Dingen. Aber wenn die Reichen wirklichen Komfort in der Welt suchen, sollten sie sich fragen, ob andere auch das haben was sie brauchen. Sonst wird ihr Komfort sie teuer zu stehen kommen mit Leibwächtern und Sicherheitszäunen und Alarmanlagen. Daher sind die Armen - die durch fortwährende Erniedrigung und Teilnahmslosigkeit stark konditioniert sind, diese Ungerechtigkeit in unserer gespaltenen Welt zu ertragen - nicht geneigt sich zu vereinen und die Ungleichheiten im System herauszufordern. Unsere Selbstgefälligkeit ist geradezu genetisch , da sie auf der emotionalen Ebene von Angst und Mangel an Selbsterkenntnis aufrecht erhalten wurde. Bis wir am Ende unserer höheren spirituellen Bestimmung  und unserem kreativen Potenzial als Menschenwesen verstorben sind. Genau diese psychologische Abspaltung zwischen uns allen führt dazu, dass die menschliche Evolution so langsam und schmerzlich vor sich geht.

Aus dieser Perspektive können wir sehen, dass das, was wir System nennen, eigentlich unsere falsche Einstellung den mitmenschlichen Beziehungen gegenüber, untereinander und innerhalb unserer Gesellschaften, ebenso wie zwischen Menschen verschiedener Nationen ist. Wenn ich mir darüber klar werde, dass die Gesellschaft eine Erweiterung meiner selbst ist - ICH BIN das System, sowohl in nationaler wie internationaler Manifestation - dann kann ich nicht mehr sagen `so war das schon immer`, wenn ich mit Armut, Ungerechtigkeit und Korruption konfrontiert werde.  Die ganze Dynamik in meinem Bewusstsein wird sich grundlegend ändern, wenn ich erkenne, dass niemand von den Problemen der Menschheit freigesprochen werden kann und als erstes könnte ich mich den Demonstrationen für Freiheit und Gerechtigkeit anschließen, die mittlerweile in jedem Land stattfinden. Die Selbstgefälligkeit derjenigen, die dem System die Schuld zuschieben und dann nichts dafür tun, um die Weltsituation zu ändern, ist eigentlich Scharlatanerei. Es ist gleich, ob wir arm oder reich sind: eine Lebensweise in der man nur das eigene Glück und Wohlstand sucht, taub und indifferent gegenüber den Krisen, die die Welt schütteln, ist eine psychologisch gefährliche Haltung für uns selbst wie auch für andere. Mit einer solchen Haltung dem menschlichen Leben gegenüber können wir uns nicht über die Turbulenzen der Märkte beschweren, die zu sozialen Spaltungen und weit verbreiteter Zerstörung führen. Jetzt, wo die Kommerzialisierung in unseren Adern fliesst, hat unsere Selbstgefälligkeit epidemische Ausmaße erreicht und nun müssen wir vielleicht den Fanatikern zuhören, die von globalen Katastrophen und Armageddon sprechen. Wenn es in der Tat das beste für die Menschheit ist, dann ist vielleicht die einzige Hoffnung für ein Erwachen ein endgültiger Untergang der globalen Ökonomie.

Unsere Mittäterschaft an Weihnachten

Es gibt kein besseres Beispiel für unsere stille Beteiligung an der Aufrechterhaltung des Systems als das Weihnachtsfest, eine Zeit in der wir konsumieren und konsumieren und im Namen Jesu in den Einkaufstempeln unsere fragile und bedauernswerte Erde ausplündern. Viele von uns machen Mülltrennung und behaupten unsere Umwelt zu schonen, aber am 24. und 25. Dezember werfen wir all unser ethisches Verhalten über den Haufen und feiern, egal um welchen Preis. Und dann verpassen wir die Erkenntnis, dass wir durch das Kaufen der vielen teuren Geschenke einen Akt politischer Konformität begehen, und damit grundsätzlich auch unsere Intelligenz und Freiheit verleugnen. Selbst wenn wir nicht über genügend Geld verfügen, würden wir uns womöglich verschulden, um Geschenke für Freunde und Familie zu kaufen, nur um das Bild eines bestimmten Lebensstils aufrecht zu erhalten. Und das trotz der anhaltenden Verschuldung einzelner Haushalte und auch Nationen, sowohl finanziell als auch ökologisch. Obwohl wir diese traurige Wahrheit kennen, dass wir in einer Zeit von immensem Stress und Leid psychologisch voneinander getrennt leben, feiern wir im Namen eines kaum fassbaren Vaters im Himmel mit weißem Bart, im Namen einer glücklichen Familie und der Freude „einander wieder zu sehen“, um unsere innere Leere über eine öde und konditionierte Existenz zu füllen und unsere Kinder irrezuführen mit all den unnötigen Geschenken – mit dem Ergebnis, dass jedes Kind ein Anwärter für ein Pawlowsches Experiment ist und das am Weihnachtsabend. Dann beschuldigen wir uns gegenseitig und das System, indem wir behaupten die Unternehmen zerstören unsere Erde.

Es soll hier nicht das Weihnachtsfest oder ähnliche Feiern verurteilt werden, sondern dies soll ein Gedankenanstoß sein daüber  nachzudenken, was heute geschieht, also über die Realität. Es soll nicht geurteilt werden, oder auf jemanden mit dem Finger gezeigt werden, denn wir alle sind für die Probleme der Welt verantwortlich und wie wir feststellen konnten, kann sich dem auch keiner entziehen. Vielmehr sollten wir ganz ehrlich überlegen: was hat Weihnachten, wie wir es heute begehen noch mit Liebe oder Jesus zu tun? Lassen Sie uns diese Frage mit Mut und Ernsthaftigkeit stellen und still in uns eine Antwort finden. Was für einen Wert hat es, uns gegenseitig vorzumachen, „das Leben geht weiter“, wenn wir uns jährlich immer wieder mit den selben Worten begrüßen „Frohe Weihnachten“, „Frohes Neues Jahr“? Was soll das für eine Begrüßung sein, wenn unser Leben jedes Jahr das gleiche bleibt? Wenn für viele ganz normale Menschen jeder Tag mit Angst, Stress, Unsicherheit oder gar Selbstmord gefüllt ist? Wenn die meisten von uns in unterschiedlichem Maß an Depression oder Einsamkeit leiden oder unter dem geheimen Schmerz der psychologischen Trennung? Und vor allem, wenn wir alle an spiritueller Unterernährung leiden, die wir so gut unter einem erfundenen Image verstecken, um in einer normalen Gesellschaft als zugehörig akzeptiert zu werden – ein Image, das wir mit viel Anstrengung und Belastung aufrecht erhalten Jahrzehnt für Jahrzehnt und ganz oft ein Leben lang.

Lassen Sie uns tiefer gehen und fragen, warum wir zur Weihnachtszeit so viele Millionen Tiere töten und Bäume fällen, ja ganze Wälder abholzen im Namen einer unechten Weihnachtsstimmung, nur um unser festliches Abendessen mit Gelächter zu genießen, gleichgültig was in der Welt jenseits unseres Tisches geschieht. Wenn jährlich am 1. Januar wieder viele Ressourcen der Erde vernichtet und verschwendet wurden, nur um das Loch der entleerten Existenz zu füllen, als ob die Liebe Jesus nur am 24. Dezember durch unser Haus weht. Wenn zu guter Letzt all die Zerstörung und Zügellosigkeit keinem wahren moralischen Zweck diente, nur um des Glaubens willens – einem Glauben, in dem die Kirchen uns seit Jahrtausenden in die Irre geführt haben. Eine Feststellung die heute viele von uns machen. Wir können sagen, dass der Kauf so vieler Geschenke ein Ausdruck unserer Liebe und Zuneigung ist, aber warum muss diese Liebe chronologisch einem bestimmten Zeitpunkt folgen? Ist es wirklich Liebe, oder Konformität und Gewohnheit, die uns die eigene Intelligenz verleugnen lässt und auf „Glauben an einen Glauben“ beruht? In diesem Fall ist der Kauf all der Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsbäume und der Mengen an Nahrungsmitteln und Getränken ein sozialer Akt, der an sich sinnentleert ist und dem jegliche Freiheit und Liebe fehlt und auch meist mit geistigem und spirituellem Unbehagen erlebt wird – denn Konformität kann nur da existieren, wo Angst ihre Wurzeln hat. Es richtet sich alles automatisch und gedankenlos und mit Gewalt auf die Erde, was zuletzt eine schädliche Auswirkung auf unser Bewusstsein und unsere Kreativität hat. Es ist eine unbewusste Lüge, die wir Jahr für Jahr wiederholen, in dem wir diesem Kreislauf folgen, den wir zwar verabscheuen aber damit unbewusst ablenken von unserer kollektiven Mittäterschaft, Heuchelei und Selbstgefälligkeit.

Wir alle sind Scharlatane

Also, wir alle sind Teil dieser Realität und bis zu einem gewissen Grad Scharlatane durch unsere Teilhabe an der modernen Gesellschaft. Und Weihnachten zu feiern ist kein Verbrechen, aber lassen Sie uns eine Selbstbetrachtung anstellen, ohne Vorurteile, aber mit einer gewissen Demut. Versuchen wir doch bewusst zu erkennen und uns klar zu machen, dass wir das System bilden, das wir andererseits so verabscheuen und dass wir ein System unterstützen, das uns alle zu unterjochen versucht und trotz allem wollen wir uns nicht eingestehen, dass wir eine Rolle spielen beim Aufbau und Erhalt einer solch bösartigen Gesellschaftsordnung. Lassen Sie uns gemeinsam den Zusammenhang aller Geschehnisse in der Welt betrachten und fragen, ob es nicht möglich wäre Weihnachten auf eine andere Art, liebevoller, zu feiern. Denn es ist nicht die Liebe Christi die dieses Fest begleiten, sondern die Kräfte der Kommerzialisierung, die sich an unsere Konditionierungen und Gleichmacherei heften und die uns nun das Messer an die Kehle setzen. Das ist die Wahrheit dessen was vor sich geht, was jeder, der die Einkaufsschlangen an den Kassen in der Weihnachtszeit gesehen hat, bezeugen kann. Die multinationalen Konzerne mästen sich an unserem Einkaufszwang und die Banken mästen sich an unserer Gleichschaltung und treiben uns tiefer und tiefer in die Schulden. Und wenn das ganze System der nicht zu haltenden Anleihen und Darlehen implodiert, sind es die Regierungen, die die rücksichtslosen Banken retten, um die abnehmende Weltwirtschaft wieder zu beleben. Doch WIR sind es, die wir angeblich nur ein normales Leben führen wollen und schnell zu unserem eigennützigen Verhalten zurückkehren wollen und dadurch bereitwillig dieses ungerechte System aufrechterhalten. Obwohl die Weltlage jetzt so unsicher ist, dass bald überhaupt keine Bankenrettung mehr möglich ist und kein aus der Patsche Helfen, weder für Reiche noch Arme, gelingen kann. Und trotzallem feiern wir unbekümmert den Heiligen Abend und den Weihnachtsfeiertag, die so gar nichts mit Jesus und dem, was er lehrte, zu tun haben. Wir kennen vermutlich alle die Worte von Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (eli eli lama azavanti) Aber heute ist es so, als ob die Menschheit stillschweigend und unbewusst sagen würde: `Mein Gott, warum haben wir DICH verlassen und der Kommerzialisierung unser Leben in die Hand gegeben und damit dein heiliges Reich entweiht und deine Lehre über echte menschliche Beziehungen ignoriert ?`

Tatsächlich ist der 24. Dezember ein trauriger und schrecklicher Tag, denn zur gleichen Zeit wo wir die Geburt Christi feiern, gibt es Milliarden Männer, Frauen und Kinder, die nicht einmal das Nötigste zum Leben haben, geschweige denn den Luxus eines Weihnachtsmenüs. Und um Mitternacht am 31. Dezember wünschen wir uns gegenseitig ein frohes Neues Jahr, während Tausende unserer Mitmenschen in fernen Ländern Todesgefahren ausgesetzt sind – fast sieht es so aus, als würden wir dieses unnötige Verhungern, die Unterernährung, die Krankheiten und Todesgefahren feiern. Wir könnten natürlich entgegnen, dass das schon immer so war, aber würden wir frohgemut Weihnachten und Silvester feiern, wenn Gott bewahre, jemand aus unserer Familie gestorben wäre? Und warum sehen wir tatenlos zu, wenn täglich 40.000 Menschen an vermeidbaren, armutsbedingten Ursachen sterben und denken nicht weiter darüber nach? Was wir tatsächlich in solchen Zeiten feiern, ist weiterhin für unsere Selbstgefälligkeit frei zu sein. Ignorant und unreif verstecken wir uns hinter alten Alibis wie `das Leben ist kurz`, oder `man lebt nur einmal`, `lass uns treffen und eine gute Zeit zusammen haben`. Wir könnten als Experiment versuchen an Silvester nichts zu planen und statt dessen allein zu Hause bleiben, ohne Fernsehen oder Kommunikation mit anderen. Und dann werden Sie erleben, wie einsam man sich fühlt, wenn alle da draußen ihren Spaß haben. Und dann stellen Sie sich noch vor, dass Sie schrecklichen Hunger haben ohne jegliche Aussicht sich Nahrung beschaffen zu können, während der Rest der Welt sich mit Silvester Feiern vergnügt. Versuchen wir uns das bildlich vorzustellen, wie fühlt sich das an? 

Egal wie dramatisch das klingen mag, es bleibt eine Tatsache, dass unsere Selbstgefälligkeit kollektiv und weltweit gesehen sehr gefährlich ist, da sie andere Menschen tötet. Unsere Selbstgefälligkeit tötet die Armen direkt oder indirekt, aber allmählich tötet sie uns selbst, im geistigen, wie moralischen Sinne, wenn wir weiter eine Lebensweise verfolgen, die uns vom Rest der Menschheit trennt. Wir wissen alle, dass irgendwo auf der Welt Menschen aufgrund ihrer Armut sterben, aber wie viele von uns unternehmen etwas dagegen? Nur sehr wenige. In diesem Fall gibt es keinen Unterschied zwischen unseren Feierlichkeiten zu Weihnachten und einem Mafia-Clan, der viele tötet, und wo alle Mitglieder an Weihnachten zur Kirche gehen in Erinnerung an Jesus und seine Botschaft. Selbstverständlich ist ein positiver Frohsinn im Leben ein natürlicher Ausdruck von Freude und Schönheit, aber welche Art von Freude können Milliarden von Eltern erleben, die ein unterernährtes Kind in ihren Armen sterben sehen? Oder inmitten vieler Obdachloser und verzweifelter Menschen um uns herum, egal wo in der Welt wir leben? Oder inmitten einer Nahrungsfülle und anderer Ressourcen, die schamlos verschwendet anstatt mit denen geteilt zu werden, die sie dringend benötigen? Doch wenn unsere Feierlichkeiten vorbei sind und wir die Zeitungen aufschlagen, sind wir oft angewidert, wenn ein Milliardär mitten in den Slums oder einer sehr armen Gegend einen gigantischen Palast hinstellt, ohne zu erkennen, dass wir auf genau die gleiche Art und Weise leben, global und quer durch alle Gesellschaftsschichten. Schämen wir uns da nicht, oder ist unsere Selbstgefälligkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass wir schon ganz und gar gleichgültig geworden sind?

Planetare Selbstgefälligkeit

Bitte reflektieren Sie darüber und versuchen Sie möglichst objektiv zu erkennen, wie unsere seit Jahrzehnten fortgesetzte individuelle Selbstgefälligkeit, die unserer Familien und die Selbstgefälligkeit unserer Nationen es als normal erscheinen lassen, dass Menschen in der Welt an Hunger sterben. Es ist eine planetare Selbstgefälligkeit die gewissermaßen besagt: `es ist ihr Schicksal in Armut zugrunde zu gehen und es hat nichts mit mir zu tun.`Daher unternehmen unsere Regierungen nichts gegen das tagtäglich unnötige Sterben von Tausenden von Menschen, weil wir sie damit durchkommen lassen. Somit sind wir auch das System und das System sind wir: alles steht in einem Zusammenhang. So lange sich der normale Bürger in einem Leben der Gleichgültigkeit bewegt, so lange ICH nichts tue, um meine Stimme für Gerechtigkeit zu erheben, können die Banken und Großkonzerne nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass sie inmitten des Elends und der Zerstörung Geld verdienen.

Wie lange noch werden wir uns taub und stumm stellen und uns weigern das schreiende Leid von Millionen zu hören und dieses Thema wenigstens mit unseren Familien und Freunden besprechen? Wie lange noch werden wir uns der Herrschaft von Politikern und ihren obskuren Strategien unterwerfen, die ja doch nur auf Eigeninteresse und Ideologien basieren und der Kommerzialisierung erlauben, unsere Kinder unserer Liebe und Zuneigung zu entziehen? Wie lange noch werden wir uns von ISMEN konditionieren lassen, welche in sich Trennung, geistige Blindheit und Brutalität tragen und weiter züchten – Ismen, die uns sagen was zu tun ist, welchen Weg wir gehen sollen, wie wir glücklich zu sein haben und wen wir wählen sollen? Und wie lange noch werden wir in Angst und Tiefschlaf ausharren, während wir unsere Freiheit, jeden Tag neu zu erleben, leugnen? Die Zeit ist heute überreif, die Unterdrückung dessen, was wir wirklich sind, zu beenden – das heißt endlich mitfühlende, fürsorgliche Menschen zu sein, wozu wir geboren sind!

Wir alle kennen die sehr privaten Momente, wenn wir zu Hause am Bettrand sitzend auf den Fußboden starren. Wir überdenken unser Leben,  die sinnlose Arbeit nur um unsere Miete und Hypothek zu zahlen, die ständige Unsicherheit und Gefahr den Arbeitsplatze oder die Wohnung, das Haus zu verlieren. Wir denken an unsere verborgenen Ängste, die kurzen Momente der Zufriedenheit und an die stets präsente, unausgesprochene Einsamkeit. Das Lächeln das man uns schenkte und an die vergossenen Tränen. Die nie endende Sehnsucht glücklich zu sein und geliebt zu werden, oder den richtigen Partner zu finden und vielleicht zu heiraten und die herzzerreissende Scheidung. Ein unnötiges und belastendes Image, das wir aufrecht erhalten, um in einer urteilenden, unaufrichtigen und unersättlichen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Die Angst die uns im Schlaf quält und die Angst davor zu altern und unerwünscht zu sein. Und im Fernsehen erleben wir immer wieder die gleichen Politiker, die gleichen abgestumpften Gesichter, die unzähligen trivialen Unterhaltungssendungen. Auf dem Bett sitzend mit hoffnungslosem Blick auf die Welt, müssen wir uns fragen, wie wir uns so von der Gesellschaft haben prägen lassen, dass wir für das Leid anderer so blind geworden sind. Und wie es das System geschafft hat unser Mitgefühl für alles was lebt so zu reduzieren und uns kontaktlos gegenüber unseren Kindern und der Natur hat werden lassen, und das bisschen Liebe in unserem Herzen erlahmen ließ. Wir alle kennen die Momente des Ärgers, der Schuld und Wertlosigkeit, wenn Leere und Verzweiflung unsere Gedanken überwältigen und wir dann schließlich das Licht löschen, die Decke über den Kopf ziehen und uns heimlich fragen: das kann doch nicht alles im Leben gewesen sein?

Das wahre Weihnachten

Angesichts all des Leides und der wirklich kritischen Probleme in der Welt, wäre es vielleicht die beste Art dieses Jahr Weihnachten zu feiern, indem wir friedlich für ein Ende von Armut und Ungerechtigkeit demonstrieren und sagen: Schluss mit dem Fällen von Bäumen und all den extravaganten Geschenken! Und dann die Stimme zu erheben für Nahrung, Fürsorge und Versorgung aller Menschen in der Welt. Wäre das nicht das beste Weihnachten, das wir je erlebt haben, angesichts der Tatsache, dass täglich Menschen sterben wegen armutsbedingter Ursachen? Denn so könnten wir nicht nur unsere Treue und Zuneigung der eigenen Familie und Freunden gegenüber zeigen, sondern auch eine liebevolle Einheit mit dem Rest der Welt bilden. Wenn Jesus heute unter uns wäre, vielleicht würde er uns genau dazu aufrufen. Er würde nicht wollen, dass wir mit unseren maßlosen Feierlichkeiten weitermachen, die ja auch gar kein Ausdruck wahrer Liebe sind. Das Mindeste was wir in Erinnerung an ihn tun könnten wäre es, uns zusammenzuschließen und darüber nachzudenken, wie man den Armen helfen kann und auf diese Art an die Nöte der anderen und der Umwelt zu denken. Wenn wir beispielsweise nur ein Jahr auf Weihnachten und Neujahr verzichten könnten, mit all den riesigen Ausgaben und dem überdimensionierten Konsum, überlegen Sie, was man mit all dem gesparten Geld für die Mitmenschen tun könnte, die an Hunger und Krankheiten sterben. Stellen Sie sich vor, was wir zusammen erreichen könnten, wenn das ganze Geld gesammelt würde und an die, die es nötiger brauchen, verteilt würde – was wäre das für ein Weihnachten! Stellen Sie sich unsere Kinder vor, die inmitten einer Explosion an weltweiter Nächstenliebe weinen und denken Sie an die Kraft der Liebe und Freiheit in allen Ländern, die Ausdruck finden könnte, wenn sich Millionen Menschen unter dem Banner der einen Menschheit versammeln würden? Eine einzige universale Stimme, die frei von Dogmen, Ismen ist, frei von Autorität – frei, die Würde und Schönheit des Seins und dessen was wir wirklich sind zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht könnten wir dann die immer präsente Anwesenheit von Christus in uns spüren – Christus, endlich wieder unter uns.

Wir sprechen hier nicht vom Päckchen schicken an die Armen aus Nächstenliebe zu Weihnachten, denn das löst nicht die psychologische und spirituelle Revolution aus, von der wir hier sprechen. Es wird höchste Zeit, dass wir uns die Konditionierung auf Almosenkultur aus dem Kopf schlagen, die eine relativ unwürdige Art ist, Liebe zu demonstrieren. Wohltätigkeit entwürdigt sowohl den Geber als den Empfänger, denn wir fahren gleichzeitig mit unserer selbstsüchtigen Lebensweise fort, anstatt den Armen wirklich zu helfen, Gerechtigkeit zu fordern oder in irgendeiner anderen Weise die Gesellschaft zu verändern und vor allem unser Bewusstsein. Und wie immer werden die Armen schweigen, vor allem in den ärmsten Ländern, wo sie nur die Gewissheit haben, an Hunger zu sterben. Wir können natürlich an gemeinnützige Vereine zu Weihnachten spenden, was äusserst nötig ist, aber danach handeln wir, als ob nichts geschehen wäre und vergessen wieder schnell unser gewähltes Ziel. So lassen wir Armut und soziale Ungerechtigkeit normal werden und wir sind Teil dessen, warum Ungerechtigkeit und Leiden weiter aufrecht erhalten werden.

Also lassen Sie uns uns zusammentun und von den Regierungen verlangen, der Armut ein für alle Mal ein Ende zu setzen, anstatt Hilfspakete zu senden, nicht mit den Mitteln der Almosen gewährenden Wohltätigkeit, sondern durch die Neuverteilung der überschüssigen Ressourcen aller Nationen auf der Basis von Gerechtigkeit und richtigen menschlichen Beziehungen. Lassen Sie uns zu Hunderttausenden auf den Straßen der Hauptstädte zusammenschließen und verlangen, dass unsere Regierungen eine Inventur  machen von allem was wir haben und nicht brauchen und vergleichen mit den Anforderungen anderer Nationen. Dies ist keine so ungewöhnliche Bitte. Bei einem Umzug macht jede Familie eine Bestandsaufnahme von allem was sie hat, um herauszufinden, was nicht mehr gebraucht wird, und diese Sachen werden dann an soziale Vereine übergeben. Wir müssen von unseren Regierungen ebenfalls verlangen, dass sie eine gründliche Inventur ihres Bestandes und ihrer Ressourcen macht, die dann durch die Logistiker der UN in die Regionen in der Welt weitergeleitet werden, die ihrer bedürfen – das ist nicht Nächstenliebe, da es durch zwischenstaatliche Vereinbarungen geschieht, sondern die Abschaffung von Hungertod und vermeidbarer Krankheiten für immer. Wir wissen sehr wohl, dass viele Länder weit über ihre eigenen Bedürfnisse hinaus produzieren, insbesondere Getreide und andere Grundnahrungsmittel. Es ist nicht zu viel verlangt, wenn die einzelnen Nationen der Menschenfamilie eine globale Inventur machen, vor allem von ihrer  Überproduktion und dann gemeinsam an der Neuverteilung arbeiten um Hunger und extreme Armut zu beseitigen. Und wenn sich unsere Regierungen weigern, müssen wir in Massen auf der Straße demonstrieren, und so die Macht der Stimme des Volkes bestimmen lassen, welche Politiker ins Amt sollen, die diesen Aufgaben gewachsen sind und die der zunehmenden Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit dienen.

Die Lehre Christi wieder aufleben lassen

Es heißt nicht, Weihnachten nicht zu feiern, solange wir diese Tradition in einer bescheidenen und liebevollen Art den Mitmenschen und der Erde gegenüber pflegen. Wir können die Geburt Christi nicht mit konditioniertem Denken feiern, ohne auch Moral und die Realität dessen, was heutzutage geschieht, gedanklich einzubeziehen, einschließlich der Not der Massen, der weltweiten Hungersnöte, der Zerstörung der Natur um unseren Konsumhunger zu stillen, und dem tödlichen Wettbewerb um die letzten Rohstoffe der Erde. Man kann Weihnachten nicht als religiöses Fest bezeichnen, wenn wir es nur mit Essen, Trinken, Geschenken und Gelächter gleichsetzen, und dabei nicht die schwerwiegenden Probleme der Welt berücksichtigen und mit keinem Wort Jesus, Armut und Ungerechtigkeit erwähnen. Vergessen Sie den Weihnachtsschmuck und den gebratenen Truthahn und lassen Sie uns statt dessen mit unseren Getränken auf die Straße gehen und eine Massendemonstration organisieren. Und wenn wir Jesu gedenken wollen, könnten wir ein einfaches Mahl in unseren Häusern teilen ohne die kostspieligen Geschenke und die übliche Völlerei, ohne Kommerz und krassen Materialismus, welche die eigentliche Heiligkeit dieser Jahreszeit nur entwürdigen. Stattdessen könnten wir den Weihnachtstag als Gelegenheit sehen, um echte menschliche Beziehungen mit unseren Familien und Freunden zu pflegen und somit Liebe in Aktion, indem wir einander dienen in diesen kurzen Feiertagen – das bringt uns Jesus näher als irgendein Ritual, das in seinem Namen durchgeführt wird. Es gibt keinen Zweifel, dass das einen großen Einfluss auf unsere Kinder hätte und ein echter Beitrag wäre uns der einfachen Lehre Christi wieder bewusst zu werden.

Wir werden die Gegenwart und Energie Christi an Weihnachten nicht wirklich erleben, wenn wir uns plaudernd vollstopfen und betrinken, denn die wahre Natur von Christus ist bedingungslose Liebe und selbstloser Dienst. Viele Menschen warten auf den großen Tag, den Tag der Deklaration, wenn Christus wieder öffentlich in unser Alltagsleben tritt. Dabei vergessen wir all die Erklärungen, die durch Christus weltweit jeden Tag stattfinden. Wenn Sie sich freuen einen Freund nach vielen Jahren wieder zu sehen, ist das eine Erklärung der Liebe Christi. Wenn Ärzte ohne Grenzen einem Schwerverletzten in einem Krisengebiet helfen, wenn der Mann die Hand seines ausländischen Arztes dankbar umklammert, nachdem er geheilt wurde, dann ist die Energie von Christus gegenwärtig. Oder wenn Sie jemandem, der mittellos und hungrig ist, etwas zu essen geben und Sie den Blick der Dankbarkeit in seinen Augen erleben, dann ist das ein Moment der Gegenwart von Christus zwischen zwei Menschen. Können wir uns überhaupt vorstellen, welch ein großartiges planetares Ereignis das sein wird, wenn wir uns vereinen und auf die Straße gehen für  Freiheit und Gerechtigkeit und wenn wir schließlich dieses Christus-Prinzip in uns erkennen, als Brüder und Schwestern, und von unseren Regierungen das Teilen der Weltgüter fordern? Wenn wir dann Mitgefühl füreinander, vor allem für die, die weniger haben als wir, zeigen. Wenn es nicht mehr die Trennung zwischen den Menschen der Nationen gibt, sondern nur noch diese eine einzige gemeinsame Liebe? Wir denken an Christus als den Herrn der Liebe, der ehemals auf unserer Welt lebte, um dieses Prinzip in uns zu wecken, und wenn Sie andere Menschen wahrhaftig lieben, dann sind Sie auch frei, sowohl innerlich als auch äußerlich. Die gegenseitige Verbindung zwischen Liebe und Freiheit ist sehr intim und echt, wenn also Christus die Verkörperung der Liebe ist, dann ist er auch der Herr der Freiheit. Wenn wir also dieses Weihnachten die wahre Natur von Christus erfahren wollen, lassen Sie uns vereinen um zu demonstrieren und Mut zeigen für eine Umverteilung der Güter, für eine neue Erde, eine neue Erkenntnis und zusammen erleben, was geschieht.

Bitte, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, dass Sie Christus seien. Sie sehen das unendliche Leid, die Ungerechtigkeit und Erniedrigung in der Welt und entschließen sich, noch einmal wieder zu kommen in diese Welt, inmitten des ganzen Chaos, um diese Lehre weiterzugeben. Wie würden Sie die Arbeit beginnen, mit der Erkenntnis, dass der Mensch tief verstrickt ist im Netz seiner Überzeugungen und der Komplexität seines Lebensstils, wo Einfachheit kaum noch zu finden ist und wo die Konditionierung des Geistes seinen Höhepunkt erreicht hat? Und zu wissen, dass eine unglaubliche Opposition von Menschen darauf wartet, Sie mit Wut und Feindseligkeit zu verfolgen? Und noch bevor Sie verankert sind in der Gesellschaft, sagt ihnen eine Stimme vom Himmel: „Mein Sohn, denke daran, dass es nicht erlaubt ist, den freien Willen der Menschen zu beeinträchtigen.“ Zusätzlich werden obskure Mächte warten, die Kräfte der Kommerzialisierung, die Sie in ein kniffeliges Schachspiel verwickeln und ebenso wissen, dass die Figuren von Königen und Königinnen schlauerweise nicht aus Holz bestehen, sondern aus den Kräften des freien Willens der Menschheit. Wie würden Sie vorgehen, um dieser unglücklichen Welt beizustehen und wo würden Sie beginnen?

Alle Völker – eine Stimme

Wir können uns fragen, welche Rolle die Kirche spielt angesichts dieser Realität, und ob die Priester Christus erkennen würden, wenn er heute wieder unter uns leben sollte? Oder vielleicht wäre es treffender zu fragen, ob Jesus seine Kirche und das was aus ihr geworden ist, wieder erkennen würde. Die Männer der Kirche scheinen heute mehr damit beschäftigt zu sein die Kirchen wieder mit Gläubigen zu füllen und einem erdichteten Gott zu folgen, anstatt sich an die einfachen Anweisungen von Jesus zu richten und die Armen zu ernähren; oder sie vertiefen sich in geheime theologische Streitgespräche darüber, was Jesus vor Jahren vielleicht gesagt haben könnte, eine Galionsfigur, die sie irgendwo „da oben“ in einen mystischen Himmel verbannt haben, weit entfernt von unserer Alltagswelt. Anstatt ihre Kirchenmitglieder dazu zu ermuntern auf die Straße zu gehen und etwas für Gerechtigkeit zu tun, anstatt die tödliche Realität der Kommerzialisierung wahrzunehmen und die Notwendigkeit einer vereinten Stimme für die Menschheit zu erkennen. Stattdessen predigen sie von einem biblischen Jesus, als ob er nicht mehr Jesus wäre, denn das ist ein Mann, der den Status quo radikal durchbrach, indem er uns lehrte unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst. Und die Kirchen bieten nur etwas Rhetorik, wenn überall Tausende Menschen auf der Welt an Hungertod sterben, während sie weiterhin ihr ausgedientes Ideal eines „guten Christen“ propagieren.

Seit 2000 Jahren beten wir zu Christus: ist das nicht genug? Wir haben tausende wunderbare Kirchen zu seinem Ruhm gebaut: ist das nicht genug? Ist es nicht an der Zeit Gebete und Anbetung zu vergessen und Christus im anderen und uns selbst zu erkennen und uns unter dem Banner der „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“ zu vereinen? Ist es nicht an der Zeit, dass der Priester seine Robe beiseite legt und sich der fordernden Stimme für Teilen, Frieden und Gutem Willen anschließt? Wir können uns fragen: wo waren die Priester, als unsere Hauptstädte voller Zelte und Demonstranten waren? Wo bleibt der Klerus und seine öffentliche Unterstützung, da doch  Papst Franziskus für Wirtschaftsreformen und Gerechtigkeit einsteht? Und wer sind die wahren Priester in der Gesellschaft, wenn wir die Erde als Gottes heiligen Tempel betrachten – ist es die Kirche, die ihre Zeit mit Ritualen und eitlen Bekenntnissen zubringt, oder sind es doch eher die Aktivisten von Greenpeace und  vieler anderer Gruppierungen, die um die Rechte und den Schutz unserer Mutter Natur kämpfen?

Die Aufgabe der Kirchen ist es zu heilen, zu leiten, zu beschützen, zu lehren und Achtsamkeit zu fördern, aber es scheint, als haben normale Bürger diese Aufgabe der Kirchen übernommen. Der einzige Weg der Kirchen ist es daher, sich mit Hilfe der schlichten Lehren Jesu zu reformieren und sich der vereinten Stimme des Volkes anzuschließen, wie das viele religiöse Aktivisten tun, trotz des weitverbreiteten Widerstands der Ministerien. Wenn die christlichen und katholischen Kirchen ihr verzerrtes Verständnis von Gott und Christus beibehalten, dann werden sie mit der Zeit in Vergessenheit geraten, durch eine Welle der Veränderung, die durch die Welt zieht, und das können wir in den leerstehenden Kirchen, die keiner mehr besuchen will und die zum Verkauf stehen, bereits beobachten. Doch wenn die Kirche die Liebe und Gegenwart Christi in der anschwellenden Stimme der Menschen wahrnimmt, wenn sie sich im Gleichklang mit der öffentlichen Meinung für freie und gleichwertige Nationen einsetzt, dann spielt sie eine Rolle in der großen gesellschaftlichen Wandlung, die vor uns liegt. Es ist die Verantwortung von uns allen, unabhängig von Hautfarbe oder Religion oder Position im Leben, uns an diesem einheitlichen Ruf nach Gerechtigkeit anzuschliessen und die schlimmen Folgen einer Kultur im Bann der Kommerzialisierung zu erkennen und unsere Stimme gegen die Regierungen mit Millionen anderer Menschen laut werden zu lassen. In diesem Sinne können wir aus gutem Grunde annehmen, dass das Prinzip des Teilens schon bald als letzte mögliche Lösung der Weltprobleme erkannt wird.   


Mohammed Mesbahi, Gründer von STWR.

Redaktionsassistent: Adam Parsons.

Übersetzung von Ute Redl und Sonja Scherndl.

Photo credit: argyadiptya, flickr creative commons